Die Schlitzer Bürgerbrauer

Dies ist der zweite Teil der Schlitzer Biergeschichte, der von dem fast 200jährigen Gerangele zwischen den Schlitzer Bürgerbrauern und ihrer Herrrschaft, den Junkern und späteren Reichsfreiherrn (1677) und Reichsgrafen (1726) von Schlitz gen. v. GÖRTZ, berichtet.

Aus dem Vorwort

Titelblatt Geschrieben von Heinrich Sippel

Mit diesem Bierstreit im damals reichsunmittelbaren Schlitz mußten sich die Juristen des Reichshofrates in Wien und des Reichskammergerichts in Speyer/Wetzlar wiederholt befassen. Unter PHILIPP FRIEDRICH und JOHANN von Schlitz nahm der Streit 1683 und 1730 unerträgliche Ausmaße an. So ist die Biergeschichte des heute oberhessischen Städtchens Schlitz das Spiegelbild der über lange Strecken vergifteten Herrschaftsgeschichte zwischen den Stadtherren und den ihnen Untertanen Bürgern, die aber keine Gelegenheit ausließen, sich durch ihre Bürgermeister und ihren Rat z. T. sogar sehr wirksam gegen die Willkür von oben zu wehren.

Ich habe die sehr komplizierten Prozessverästelungen des besseren Verständnisses wegen stark vereinfacht und viele wörtliche Zitate eingestreut, um das Sprach- und Denkmilieu der damaligen Zeit besser wirksam werden zu lassen.

Um einen Eindruck von den Braueinrichtungen vergangener Zeiten zu vermitteln, ist das Heft bebildert mit Aufnahmen aus der historischen Braustätte der KÜPPERS-Brauerei in Köln. Dort hat der Braumeister Friedrich JIRMANN eine funktionsfähige vorväterliche Brauerei mit Einrichtungen des vorigen Jahrhunderts zusammengetragen; ein bewundernswertes Biermuseum!

Im Oktober 1984
Heinrich Sippel

So begann der Zwist

Geschrieben von Heinrich Sippel

Im Laufe der Jahrhunderte waren aus den Vogtei- und Unterlehnsrechten der Herren von Schlitz faktische Machtpositionen gegenüber ihren Landesfürsten, den Reichsäbten von Fulda, geworden. Die Reformation, der sie sich schon bald angeschlossen hatten, förderte diese Entwicklung. 1563 erlangten die Junker von Schlitz mit der Verleihung des Pfarrbesetzungsrechts in ihrem Herrschaftsgebiet auch noch die so wichtige religiöse Unabhängigkeit von Fulda.

Je stärker sie sich in ihrer Stellung gegenüber ihren Lehnsherren fühlten, desto selbstsicherer und machtbetonter traten sie nun auch gegenüber ihren Bürgern auf. Die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts war gekennzeichnet von dem systematischen Versuch der Schlitzer Herrschaft, die "von alters herr" bestehenden städtischen Freiheiten abzubauen. Die Junker läuteten einen Prozess ein, an dessen Ende der Schlitzer Bürger als Untertan stand.

Das machte sich auch im Schlitzer Braualltag bemerkbar. Der Aufschwung des bürgerlichen Brauwesens in dem gewerblich aufblühenden Schlitz des 16. Jahrhunderts missfiel den Junkern. Sie, die sie mit allen ihren Ganerbenfamilien noch im 17. Jahrhundert im Stadtbrauhaus brauten, entschlossen sich zur Offensive. Sie gründeten 1585 eine eigene Brauerei.

Von da an empfanden sie die Schlitzer Bürgerbrauer als lästige Konkurrenz. Sie begannen mit Nadelstichen, und es endete mit offener Konfrontation.

1595 versuchten die Junker, den Brauern gegen das Versprechen der Ungeldfreiheit das gute "Doppelbier" abzuhandeln, dessen Herstellung offenbar nur der Herrschaftsbrauerei vorbehalten werden sollte. Dies setzten sie jedoch nicht durch. Dagegen gelang es ihnen,

  • die Braumenge im Stadtbrauhaus zu beschränken,
  • die Bierlagerzeit für die Brauer zu verlängern,
  • das Hausbrauen endgültig zu verbieten und
  • durchzusetzen, daß die Hälfte des Ungeldes nunmehr an die Herrschaft floss.

Bierschankwirten in den beiden Vorstädten ließen sie das eingelagerte Bier beschlagnahmen. Schlitzerländer Bauern, die anderswo kauften, wurden streng bestraft. Dies alles mündete letztlich in die mit drakonischen Strafen und detaillierten Drohungen versehene "Bier-Bräwer-Ordtnung" von 1636 für die JOHANN EUSTACH v. Schlitz, sein Sohn JOHANN CHRISTOPH sowie seine Neffen JOHANN VOLPRECHT OTTO HARTMANN und GEORG SITTICH verantwortlich zeichneten.

Doch immer wieder versuchten die Schlitzer Brauer, aus der strengen Ordnung auszubrechen, so 1652 Baltzer HERMANN, der 10 Reichsthaler Strafe zahlen mußte, weil er das auf 10 Pfennig geschätzte Bier zu 12 Pfennig ausgeschenkt hatte, oder 1653 Stoffel HACHENBERG, der in seinem Haus "Ceßelbier" (= Hausbier) gebraut und ausgeschenkt hatte und deshalb gemäß Artikel 10 der Bierbrauerordnung von 1636 auch 10 Reichsthaler berappen musste).

Der Streit mit den Vorstädtern

Bürgerbrauhaus vpm 1623
Die Vorderfront des alten Schlitzer Bürgerbrauhauses von 1623 (Foto 1983)

Geschrieben von Heinrich Sippel

Die Schlitzer Bürger machten es der Herrschaft allerdings leicht, deren gewonnene Machtpositionen voll auszuspielen, indem sie sich unter sich selbst zerstritten. Und das kam so: Im Laufe des 16. Jahrhunderts hatten sich Bürger vor den Mauern in den beiden sog. "Vorstädten Ober- und Niederthor" angesiedelt, um der Enge der Ringmauer zu entfleuchen. Es kam der verheerende 30jährige Krieg, der ganz besonders die Vorstädter heimsuchte. Man hatte Wichtigeres zu tun, als regelmäßig zu brauen. Und so ergab es sich, daß nach dem Westfälischen Frieden (1648) viele Vorstädter Ansprüche auf Beteiligung am Reihelosverfahren anmeldeten, die schon jahrzehntelang nicht mehr gebraut und sich vor allem auch nicht an dem 1623 erfolgten Neubau des Brauhauses im Niedertorzwinger beteiligt hatten.

Die Braubürger in der Ringmauer stellten sich quer und versperrten den Vorstädtern teils den Zugang zur Sudpfanne, teils verlangten sie von ihnen, daß sie ihr Bier in der Altstadt und nicht in ihren Häusern vor den Toren verzapften. Nur die beiden niedertorischen Schankwirte Hans HABICHT und Hans HEYL sollten ausgenommen werden. Das liest sich 1651 im Ratsprotokollbuch so:

"Die Bräwer, die da außwärtig gesessen, (sollen) ihr Bier in die Stadt legen und allda verzapfen -, ausgenommen Hänsgen HABICHTs und Hans HEYLENs Hauß vorm Niederthor soll die Schankgerechtigkeit, weil sie von alters darob geruhet und auch gleichnahe der Stadt gelegen, allein verbleiben."

Für dieses Verlangen brachten die Stadtbrauer folgende interessante Begründung vor:

"Wan da nun gemeine Stadt und Bürgerschafft sowohl vor dem Oberthor alß die jehnige, so in der Stadt wohnen, wie nicht weniger die frembde einkommende Leuth, die da vielmahl durstig nach der Stadt eylen in Meinung, daß der Bierzapf alda - wie an anders frembdes Ortes gebräuchlich - anzutreffen, aber nicht getroffen, undt aller erst auß der Stadt weit hinauß muß in die Laimenkauten, alda ihren trunck Bier zu suchen..., sich begeben müßen, sich über ein solches... höchlichen zu beschwehren haben."

Biereslob

BierfässerGeschrieben von Heinrich Sippel

"Alles gut und wohlgebraute Bier gibt gute Nahrung;
deß Wassers halben, denn das ist ein leicht und schlechtes Element;
nicht wegen deß Hopffen, denn er verursachet einige Veränderung im Leibe;
sondern wegen der Frucht, so seine Krafft und Würckung auch dem Wasser einverleibet und mittheilet, daß solche auch darvon nimmermehr kan getrennet oder geschieden werden."