Anno Dazumal

Begebenheiten aus dem alten Schlitz.

Der erzürnte Graf

Zwischen den Grafen von Schlitz und der Bürgerschaft, vertreten durch Bürgermeister und Rat, bestanden fortwährend Spannungen, die meist auch in langjährige Prozesse ausuferten. Selbst das Reichskammergericht und der Hofrat in Wien waren mit Schlitzer Streitfällen befasst. Noch um das Jahr 1900 ging es zuweilen hoch her. So war Graf EMIL FRIEDRICH über eine Jagdangelegenheit so erzürnt, dass er - wie es die damalige Presse darstellte - beschloss, nicht mehr in Schlitz zu kaufen.

In einer auswärtigen Zeitung reimte ein humorvoller Schreiber wie folgt über die Schlitzer Verhältnisse:

"Hier wird kein Stiefel mehr geflickt,
keine Hosenboden mehr bestickt,
nicht Wichse, noch Klosettpapier
kauft der erzürnte Graf mehr hier".

Das erste Telefon

Im Jahre 1905 wurde in Schlitz erstmals telefoniert. In mehreren Straßen waren die "Telegraphenleitungen" bereits von Dachfirst zu Dachfirst gespannt. 1913 wurde das Netz auf das gesamte Stadtgebiet ausgedehnt. 1921 begannen die Arbeiten zur Erdverkabelung, die allerdings erst 1935 abgeschlossen werden konnten. Der durchgehende Fernsprechdienst wurde 1929 eingeführt.

Das "Fräulein vom Amt" vermittelte Tag und Nacht.

Die Flasche Rheinwein auf dem Hinterturm

1907 erhielt der Hinterturm seine neue Spitzhaube, nachdem die achteckige Wachstube von 1731 abgerissen worden war. Der Reporter des "Schlitzer Bote" berichtete:

"Im Beisein der hier anwesenden Mitglieder des gräflichen Hauses vollzog seine Erlaucht der Graf am Freitag, dem 28. Dezember nachmittags um 2.00 Uhr die Legung des Schluss-Steins auf der Spitze in der bei ähnlichen Gelegenheiten üblichen feierlichen Weise. In dem Schlußstein ist außer einer auf Pergament geschriebenen Urkunde eine Flasche 1906er Rheinweins eingeschlossen sowie ein Satz der letztgeprägten Münzen des deutschen Reiches, welche von Seiner Majestät dem Kaiser eigens zu diesem Zwecke gespendet worden sind."

Kalibohrungen in Pfordt

Im Januar 1907 wurden die Bohrgesellschaften, die bereits seit 1905 im Schlitzerland nach Kali bohrten, in der sogenannten Herrngasse am äußersten Ausläufer der Schilda gegenüber dem Dorf Pfordt fündig. Ein Salzlager war entdeckt und eine salz- und eisenhaltige Quelle erschlossen worden.

Die Qualität des gefundenen Kalis soll nach Pressenotizen "eine ganz vorzügliche" gewesen sein.

Aus Freude über den Bohrerfolg fand für das Bohrpersonal ein Bierabend bei Gastwirt SCHAUB in Pfordt statt. Darüber hinaus erhielten die Arbeiter von ihrer Gesellschaft ein beachtliches Geldgeschenk.

Dennoch blieb es bei dem Bohrversuch. Heute erinnert lediglich noch eine kleine sprudelnde, übelschmeckende Quelle oberhalb der Straße von Pfordt nach Fraurombach unweit des vorderen Baggersees an die technischen Ereignisse zu Beginn unseres Jahrhunderts.

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