Der Tag, als der Regen kam

Geschrieben von Heinrich Sippel

An Karfreitag 1945 kamen die Amerikaner nach Schlitz und mit ihnen ihr "way of life", insbesondere auch ihre Kinofilme. In Guntrums Saal in der Schulstraße (die ehemalige obergärige Brauerei Guntrum unterhielt bis 1967 einen von der Schulstraße her zugänglichen geräumigen Saalbau für gesellschaftliche Veranstaltungen - vgl. i.e. Sippel, "Die Burgenstadt Schlitz in den letzten Kaiserjahren", Heft 2 der Reihe "Schlitz im Spiegel der Geschichte", S. 22) wurde das Kino wieder eröffnet. In langen Schlangen standen wir Schulkinder drängelnd und auf Einlass wartend vor der Türe, denn dies war seit langer, schwerer Zeit wieder das erste Unterhaltungsereignis in Schlitz.

Die Filme der UFA durften selbstverständlich nicht mehr gezeigt werden. Die Amerikaner bestimmten, was wir sehen durften. Doch diese Filme hatten eine grausige technische Qualität. Sie waren verkratzt und beschädigt. Wenn das Zelluloid nicht gerade gerissen war, vermittelte es durch seinen Streifenlauf das fortwährende Gefühl eines strömenden Wolkenbruches.

Das empfand auch eine ältere Frau vom Grabenberg, die mit ihrer Tochter das Kino besuchte. Mitten in eine relativ ruhige und ernsthafte Szene rief sie laut vernehmbar:

"Käddche, bass mach ich nur; drusse rähnds, ôn ich hôn Firwes ôh?"

(Käthchen, was mache ich nur; draußen regnet es und ich habe Firwes an).
(Firwes sind Sockenschuhe mit gesteppter Lappensohle; typisches bäuerliches Fußbekleidungsstück im Schlitzerland. Vom mittelhochdeutschen "fürfuoz" abgeleitet - vgl. Deibel, Die Volkstrachten des Schlitzerlandes, N. G. Elwert Verlag Marburg 1967, S. 9)