Schlitz und die fuldische Klosterpforte

Um das Jahr 850 "ist ein solcher hunger in Teutschland gewesen, das ettliche ihre kinder zu essen genöthiget auch etliche auff den strassen und gassen hin und wider hungershalben verschmachtet todt funden seind" (Müntzer, Chronographia oder Beschreybung der jaren vom anfang der Welt biß auff unsere Zeyt, Fulda 1549).

Auch im Kloster Fulda herrschte große Not (vgl. Schmidt, Geschichte des Bisthums Fulda, Friedrich Andreas Perthes, Gotha 1857). Abt Hatto (842-856) konnte an der Klosterpforte die in großen Scharen zum Grabe des Bonifatius strömenden Pilger nicht mehr versorgen. Er richtete ein die Pilgerscharen betreuendes "Pfortenamt" ein, das er mit Einkünften ausstattete. (Hartmann, Zeitgeschichte von Fulda, Verlag Parzeller Fulda 1884, S. 7; Fuldaer Geschichtsblätter 1906, S. 97).

Angesichts der fortdauernden Not setzte Erzbischof Rhabanus-Maurus von Mainz 852 eine Synode an, an der auch Hatto von Fulda teilnahm. Der Mainzer Kirchenfürst bestimmte, dass die "Einkünfte der Kirche und die Gaben der Gläubigen in vier Teile geteilt werden sollten und zwar so, daß der erste dem Bischof, der zweite dem Klerus, der dritte für Instandhaltung der Kirchengebäude, der vierte den Armen diene" (Fuldaer Geschichtsblätter 1907, S. 1).

Von Mainz zurückgekehrt, setzte Hatto diesen Synodenbeschluss für Fulda sofort in die Tat um. Er bestimmte, was dem Pfortenamt zufließen sollte. In der für die Schlitzer Geschichte aus mehreren Gründen äußerst wichtigen "Charta Hattonis von 852 überwies der Abt die Einkünfte einer großen Reihe von auch auf unserem Schlitzer Gebiet gelegenen Klostergütern der Klosterpforte in Fulda zur Unterstützung von Pilgern und Armen. Hatto drohte all denen den Bann des Papstes und die Strafe des Kaisers an, die dieser Anordnung entgegen handelten. (Schannat, Dioecesis Fuldensis cum Annexa sua Hierarchia bei Johann Benjamin Andreae u Heinrich Hort, Frankfurt 1727, S. 237f; Buchenblätter 1921, S 155; Lauterbacher Geschichtsblätter 1912, S. 30; 1921, S. 155)

Die "Charta Hattonis" ist nach der Schlitzer Basisurkunde von 812, die die Kirchengründung in Slitese (=Schlitz) tradiert (vgl. Schannat, Corpus Traditionum Fuldensium et Patrimonium S. Bonifacii sive Buchonia vetus, bei Mauritius Georg Weidmann Leipzig 1724, S. 375), die zweite Überlieferung, die inhaltlich über unsere engere Heimat berichtet. Zum ersten Mal erfahren wir durch sie etwas über die Menschen, die hier lebten. (Vorausgesetzt, dass dieses Güterverzeichnis echt und nicht erst im 12. Jahrhundert nachgemacht oder schon in früherer Zeit gefälscht worden ist; vgl. dazu Fuldaer Geschichtsblätter 1985, S. 49; Buchenblätter 1979, S. 85f.).

Sodann benannte der soziale Benediktinerabt Hatto diejenigen fünf Schlitzer Siedlungsorte, an denen Klostergüter bestanden, deren Erträgnisse ab 852 der fuldischen Klosterpforte zur Pilger- und Armenversorgung dienen sollten.

Folgende Schlitzer Orte wurden in diesem Zusammenhang erstmalig erwähnt:

Bernshausen = Berenhereshusen - Ort des Bernheri - vermutlich eines zur Erbleihe gelangten Rodungsführers (Dronke, Traditiones et Antiquitates Fuldenses, Fulda 1844, 66, 36; Buchenblätter 1979, S. 85f., Lauterbacher Geschichtsblätter 1912, S. 30, 1921, S. 155).
Hutzdorf = Hazzesdorff - zwei Grundherrschaften
Queck = Quekkaha - zwei Hofstätten
Pfordt = Porta - 18 Lehnzinsgüter, die Grundherrschaft und auch noch Wald
Wegfurth = Wegefurte - der Zehnte im gesamten Fronhof.

Die Schlitzerländer Stadtteile Bernshausen, Hutzdorf, Queck, Pfordt und Wegfurth können 2002 ihre 1150. Erstnennungsfeier begehen!

Hutzdorf
Hutzdorf (Hazzesdorff) wurde 852 von Abt Hatto von Fulda mit 2 Grundherrschaften zur Fuldaer Klosterpforte veranlagt. Im Jahre 2002 kann dieser Stadtteil von Schlitz seine 1150jährige Erstnennungsfeier begehen. (Federzeichnung von Wilhelm Haas; Februar 1984)

Pfordt
Pfordt (Porta) wurde 852 wie Hutzdorf von Fulda u. a. mit 18 Lehnszinsgütern zur Klosterpforte herangezogen. Das wohlhabende Dorf kann 2002 auf eine 1150jährige Geschichte zurückblicken (Federzeichnung von Wilhelm Haas; 1983/84).

Bernshausen
Die klassizistische Dorfkirche von Bernshausen (1725). Hier lebte vor etwa 1150 Jahren Bernheri. Er war vermutlich ein Rodungsführer. Seine Einkünfte musste er der fuldischen Klosterpforte übergeben. (Foto: Juli 2000)

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