Nachdenkliches aus einem alten Kleiderschrank

In einer Trachtenfestschrift (1959) trug der Schlitzer Gymnasiallehrer Großhaus folgende Gedanken vor:

"Wieder einmal ruft das Schlitzerländer Heimat- und Trachtenfest Tausende von Gästen und Schaulustigen in unsere Burgenstadt. Sie alle wollen sich erfreuen an dem farbenprächtigen Treiben, das durch den Rahmen des altertümlichen Stadtbildes ohne Zweifel eine einmalige Note hat. Für die meisten Besucher bedeutet die Tracht etwas Anmutiges und Abwechslungsreiches, und ihre Buntheit scheint so recht geschaffen für fröhliche Stunden. Der nachdenkliche Beobachter aber weiß, daß diese bunte Welt eigentlich eine innere Ordnung hat, genauso wie ihr eigener Alltag. Davon zeigt ein Trachtenfest allerdings nichts. Es gibt nur ein angenehmes Schauspiel und nichts von dem Ernst des Lebens, mit dem auch die Tracht verbunden ist.

Es ist heutzutage nicht einfach, in diese Welt einzudringen, denn die Tracht wird nur noch von alten Frauen getragen. Ihre Zeit ist vorbei, sie hat keine Zukunft mehr und ist dem sicheren Untergang verfallen. Wer jedoch Gelegenheit hat, einmal in einen alten Schlitzerländer Kleiderschrank zu schauen, und sich dabei etwas über die bäuerliche Tracht erzählen läßt, wird bald erkennen, daß hier von dem Geist der Trachtenfeste wenig zu spüren ist.

Alles hat seine bestimmte Ordnung, mag es sich um die Freude bei Hochzeit und Tanz oder um den Ernst eines Grabgeleites handeln, mag die Tracht schlicht oder prunkvoll sein, bunt oder feierlich, sie ist niemals zur Schaustellung nach außen gedacht.

Wie jede andere Tracht, ging auch die des Schlitzerlandes ihre eigenen Wege und nahm die ihr eigentümliche und zukommende Entwicklung. Denn der eigentliche Sinn jeder Tracht ist, daß sie auf eine bestimmte Gesellschaft Bezug hat und die gesellschaftliche Ordnung dieser Gemeinschaft regelt. Sie ist also nicht künstlich ausgedacht oder willkürlich festgesetzt, sondern langsam in Jahrhunderten gewachsen. Dabei ist sie in ihrem Aussehen niemals beständig geblieben, sondern veränderte sich je nach Bedarf und Geschmack. So ist beispielsweise der 'Motzen', jene schwarze, enganliegende und am Hals geschlossen gestrickte Jacke, die vorn mit einer in Tönen abgestuften farbigen Borte geschmückt ist, die sich in bogenförmigen Schößen rings um die Taille fortsetzt, erst in den letzten 50 bis 60 Jahren üblich geworden. Obwohl sie etwas Neues war, knüpfte man doch an die Überlieferung an und benutzte für die schattierte Borte die Farben, die von jeher für die verschiedenen Lebensalter symbolisch waren. So ist Rot die Farbe der Mädchen, Grün die der jungen Frauen, Blau und Violett die der älteren und Schwarz die Farbe der Trauer und der ganz alten Frauen.

Die Tracht der Frauen hat sich in den Dörfern des Schlitzerlandes Jahrhunderte hindurch gehalten, aber sie begegnet uns immer wieder in Abwandlungen. Die Männertracht dagegen gehört seit langem der Vergangenheit an. Vereinzelt trifft man sie noch im Besitz der einen oder anderen Familie oder im Heimatmuseum. Als im Sommer des Jahres 1844 in Darmstadt das Ludwigsmonument enthüllt wurde, hatten sämtliche Landschaften des Großherzogtums Hessen ihre stattlichsten Vertreter beiderlei Geschlechts in der heimatlichen Tracht entsandt. In einem zeitgenössischen Bericht erfahren wir auch etwas über das Aussehen des Paares aus dem Schlitzerland: 'Das Mädchen aus Pfordt trug eine hohe, kegelförmige, zu beiden Seiten mit Wulsten ausgeschmückte schwarze Haube mit der obligaten schwarzen Bandschleife unterm Kinn, eine schwarze, weitärmelige Mutze (Jacke), darüber einen umgeschlagenen gestickten Kragen, ein übers Kreuz auf der Brust geschlungenes rotes Tuch und eine silberne Kette darüber, einen für Oberhessen verhältnismäßig sehr langen, fast bis an die Knöchel reichenden schwarzen Faltenrock mit blauer Schürze, und weiße Strümpfe; der Schlitzer Bursche eine hohe rauhe Mütze mit zur Seite lang herabwallenden, grünen Bändern, ein schwarzes Halstuch, grüne Weste mit weißmetallenen Knöpfen, langen dunkelblauen Oberrock mit kurzem Stehkragen, einer Knopfreihe und zwei Seitentaschen vorne, weiße Kniehosen und weite Querfaltenstiefel bis dicht ans Knie.' - In manchen Schlitzer Papiergeschäften gibt es noch jetzt eine Bildpostkarte, die diese Art der Tracht zeigt.

Während in anderen Gebieten der Rückgang der Tracht schon lange vor der Jahrhundertwende einsetzte, ist er in der hiesigen Gegend, abgesehen von der Männertracht, erst seit einem Menschenalter spürbar, besonders aber nach dem zweiten Weltkrieg, und seitdem ist er nicht mehr aufzuhalten. Aller Widerstand dagegen, sei es in Wort oder Schrift, den Stolz des Bauertums gegen den Trachtenrückgang aufzurufen, ist vergebens geblieben, weil die eigentliche Ursache nicht gesehen wurde. Man mühte sich um die Erhaltung äußerer Formen, denen der wirkliche Inhalt fehlte: das bäuerliche Gemeinschaftsgefühl. Die fortschreitende Industrialisierung trug natürlich viel zu dem Verfall bei. Das Verschwinden der Hausweberei und ländlichen Färbereien, die Verbesserung und Erleichterung des Beschaffens industriell hergestellter Stoffe sowie der allgemeine Fortschritt der Bildung und Lebenshaltung auf dem Lande übten einen entscheidenden Einfluß aus. Einer der Hauptgründe lag in dem Schwinden der Standes- und Klassenunterschiede. Nach dem Dreißigjährigen Krieg, der Zeit des beginnenden Absolutismus, gaben die Fürsten in ihrer Selbstherrlichkeit Kleiderverordnungen heraus, die den Nichtadligen verboten, kostbare Stoffe zu tragen. Dadurch sollte der Unterschied zwischen Adel und Volk deutlich hervorgehoben werden. Die allgemeine Willkürherrschaft des Adels hatte zur Folge, daß das Gemeinschaftsgefühl der Bauern sich nach außen in der Kleidung zeigte; aus der bäuerlichen Kleidung entwickelte sich allmählich die Tracht. Als nach der französischen Revolution im Laufe des 19. Jahrhunderts durch die fortschreitende Liberalisierung die Macht der Fürsten geringer wurde, fielen auch die Einschränkungen und Verbote, die durch die Kleiderverordnungen bestanden. Es ist natürlich, daß dadurch unter der Landbevölkerung allmählich das Bestreben aufkam, sich nach der 'Mode' zu kleiden, denn man sah die Tracht als altmodisch und rückständig an.

Die Lebensfähigkeit der einzelnen Trachten ist verschieden; sie ist abhängig von der kulturellen Geschlossenheit der Landschaft. Dennoch wird der Verfall der Tracht unaufhaltsam fortschreiten. Das ist bedauerlich, aber nicht mehr zu ändern. Was sich mit unserer heutigen Anschauung und Lebensweise nicht mehr verträgt, ist überlebt und muß absterben. Es wäre unklug, es zu halten, trotz aller Liebe und Verehrung, die man dafür hat.

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