Das Kirmeskarussell

Geschrieben von Heinrich Sippel

Mein Ururonkel Hambôast hatte Schwierigkeiten, als er den ersten großen Spiegel zu Gesicht bekam. Sonst kannte er sein Konterfei nur aus Spiegelungen auf Wasseroberflächen und in Fensterscheibchen. Meine aus Sandlofs stammende Großmutter erzählte in diesem Zusammenhang gelegentlich die Geschichte von dem Kirmeskarussell in Gießen.

Da hatte es in der Familie einen jungen Mann gegeben, der mit einem Zirkus "abgehaue" (=durchgegangen) war. Er hatte es dann in der Welt zu etwas gebracht. Nun hatte er einen Brief geschrieben und angekündigt, dass er auf der Giessener Kirmes mit einem eigenen modernen Karussell vertreten sei. Da beschloss die Familie, der alte "Vedder" (=Onkel) Hambôast solle mit den Kindern - darunter auch meine Großmutter - nach Gießen fahren, um den Fremdgänger einmal aufzusuchen. Das war eine Aufregung! Morgens in der Früh, es war noch dunkel, brach man in Sandlofs auf. Zunächst galt es, 12 km zu Fuß nach Bad Salzschlirf zu laufen, denn die Schlitzer Eisenbahnstrecke war noch nicht gebaut. In "Schlirf" wurde die Eisenbahn bestiegen, und ab ging es in die Universitätsstadt!

Auf dem Kirmesplatz passierte es dann. Als der "Vedder" die wenigen Stufen zu dem herrlich bunt verzierten, von einem Pferd bewegten Karussell emporstieg, sah er sich erstmals in großen Spiegeln, mit denen der Karussellkern umkleidet war. Betroffen hielt er inne und soll dann zum Ergötzen der Kirmesbesucher gerufen haben:

"jôh guckd emôhl dôh; dôh kemmt jôh änner deh Dräpp ruff;
das es jôh grôhd änner beh ich!"

(Ja schaut einmal her; da kommt ja einer die Treppe hoch,
das ist ja gerade einer wie ich!)