Aus der Arbeit eines Schlitzerländer Trachtenschneiders

Schlitzerländer Braut und Bräutigam
Schlitzerländer Trachtenbrautpaar (Trachtenfest 1965)

Gerade im Schlitzerland hatten die Schneider wegen der großen Vielfalt der dörflichen Tracht immer Beschäftigung in ausreichendem Maße. Aus dem Alltag eines Pfordter Schneiders erzählt ein weit über hundert Jahre altes vergilbtes „Schneiderbuch", in dem der Meister seine einzelnen Tätigkeiten sorgfältig und gewissenhaft eingetragen hat. Johannes Gräb schneiderte zu einer Zeit, als der Sperrock noch nicht üblich war. Die Jacken wurden noch nicht - wie es später geschah - ausschließlich gestrickt, sondern auch noch aus Stoff gearbeitet. Ein Blick in dieses alte Schneiderbuch spiegelt ein kleines Stück Kulturgeschichte wider:

Neben den kurzen Hosen, die in Strümpfen steckten, wurden für die Männer auch schon lange Hosen, die zum Kittel getragen wurden, gearbeitet. Die Hosen waren „leinen, zeichen, bargens, tuchen, wollen, halbwollen oder buxgängen". Gräb verliert über den blauen Kittel kein Wort. Offensichtlich wurde er vor hundert Jahren noch nicht getragen. Das „Kamisol" - es wurde als „Ärmelding" zwischen Weste und Oberrock getragen - konnte „biebern, tuchen oder vienellen" sein. Gräb hatte auch gestrickte Kamisole zu besetzen, was beweist, dass es damals auch schon Trachtenstücke in Strickerei gab. Die „West" war sorgfältig wattiert und bestand aus „wollen oder buxgängen" Stoffen.

Der Oberrock der Frauen, der damals noch ausschließlich ein „plissierter, in die Falte gelegter" Rock („Faltenrock") war, wurde „tuchen, bieber oder beidens" geschneidert. Offensichtlich arbeitete Gräb nur für Frauen in mittleren oder älteren Jahren, denn in seinem Buch finden sich nur Farben wie „blau, veielblau, grün, russisch-grün, äthaminen, mottegrau und schwarz". Es kam zuweilen auch „wollstreifigte" und „grußstreifigte" Ware (gröbere Tuche) zur Verarbeitung. Auf den Oberrock wurden „Schnüre, Sammetborten und Blattschlag" aufgearbeitet. Der Unterrock war „leinen, vienell, bieber, bargens, beidens und baumwollbieber". Auch hier wurden zuweilen wieder „grußstreifigte" Stoffe verwendet. Bei den Unterröcken hatte Gräb auch rote Stoffe zu verarbeiten. Auch der Unterrock wurde gelegentlich mit „Schnüren und Blattschlag besetzt". Den „Motzen" stellte der Schneider gewöhnlich aus „biebern und tuchen" Material her. Offensichtlich war damals auch schon die Jacke bekannt, die dann später den Motzen in der Alltagskleidung ablöste. Diese „Juppel" wurde zu Gräbs Zeiten noch nicht gestrickt, sondern „biebern, tuchen oder vienellen" gearbeitet. Das „Brüstchen" (Leibchen) war aus „Tuch, Bieber oder Kartun" hergestellt.

Eine besondere Kindertracht hat es nicht gegeben. Gräb hat seinem „Petter" (Patenkind) ein „wollen Kleidche" gefertigt und mit „Blattschlag und Säffnät" versehen. Das bestätigt die Annahme, dass auch Buben im jüngsten Alter früher Mädchenkleider trugen. Erst wenn die Jungen „sauber" wurden, bekamen sie Jungenkleidung und einen kurzen Haarschnitt.


Hans Deibel, Realschullehrer an der Gesamtschule in Schlitz, hat sich um die Erforschung der Schlitzerländer Tracht verdient gemacht. Er hat wertvolle Erkenntnisse gesammelt, die er 1967 in seinem ausgezeichneten Buch „Die Volkstrachten des Schlitzerlandes" (N. G. Elwert Verlag Marburg) veröffentlicht hat. Seine Forschungsergebnisse wurden in dieser Arbeit mitverwertet.