Die Schlitzerländer und ihre Tracht

Schlitzerländer Trachten und Volkstanzkreis beim Tanz
Der "Schlitzerländer Trachten- und Volkstanzkreis" beim Tanz. Die Jungen tragen die lange Wollhose, die stramingewirkten Hosenträger und die niedrige Pelzmütze, die Mädchen die "stolze" Tracht "hemdsärmelig". Die "Bortefirwes" an den Füßen vervollständigen die Tracht.

Im Mittelpunkt des Trachtenfestes steht die Schlitzerländer Volkstracht. Sie gehört in ihrer Spätform - vor dem Übergang des Bauernstandes zur „städtischen" Kleidung - zu den schönsten Trachten des Hessenlandes.

Die Schlitzerländer Bauern hatten sich durch ihren Fleiß zu einem gewissen Wohlstand emporgearbeitet, seit die Lehnsabhängigkeit um 1830 weggefallen war. Dieser Wohlstand machte sich auch in der Tracht bemerkbar. Die Landleute änderten mehr und mehr ihre bis dahin getragene schlichte, ja fast ärmliche Bauerntracht. Die Stoffe wurden kostbarer, die Verzierungen teurer, die gesamte Kleidung der Bauersfrau und besonders der jungen Mädchen farbenprächtiger.

In den Dörfern des Schlitzerlandes lebten zu dieser Zeit Landwirte, Schäfer, Weber, Schmiede, Wagner und Schneider. Handel und Gewerbe hatten allein in der Burgenstadt ihren Sitz. In Schlitz wurden die Festlichkeiten gefeiert, insbesondere die vier Märkte. Die Markttänze in Schlitz brachten die Burschen und Mädchen der verschiedenen Dörfer miteinander in Verbindung. Dabei bahnte sich manche Verbindung fürs ganze Leben an.

Alte Chroniken berichten, dass der Schlitzerländer Bauer besonders reinlich, sehr ehrlich, höflich, gefällig und äußerst fleißig war.


"Ketzenträgerin" aus Schlitz. In der "Ketz" oder "Kötz", dem oberhessischen Tragekorb, wurde den Landleuten das Mittagessen auf das Feld gebracht.

Die Tracht der Männer bestand aus weißen Hosen, die in langen Wollstrümpfen steckten, aus einer Tuchweste mit Metallknöpfen, darüber ein blauer oder grüner Beiderwandrock und auf dem Kopf aus einer Pelzmütze, die insbesondere bei Burschen hell gehalten war. Die Männer trugen vielfach eine hohe schwarze Pelzmütze, die so genannte „Krimmerkapp". Bei festlichen Anlässen war ein Dreispitz zur Hand. Die älteren Männer zogen einen langen blauen Tuchrock über, während sich die Burschen in kurze Röcke kleideten. Trug ein Bauer bei feierlichen Gelegenheiten eine Krimmerkapp, so gehörte dazu ein dunkelblauer Tuchrock. Auf diese Weise wurde vor allem der Bräutigam ausgestattet. Später kam dann als Alltagskleidung auch der „französische" blaue gestickte Kittel auf, der meist zu langen dunklen Wollhosen getragen wurde. Er darf nicht verwechselt werden mit dem groben blauen Arbeitskittel, zu dem regelmäßig ein grauer runder Hut getragen wurde. Zu der Alltagstracht zog der Bauer die „wisse Firwes" über die Füße, die mit einer gesteppten dicken Leinensohle versehen waren und mit gestrickter weißer Schafwolle bis über die Knöchel reichten. Ging der Trachtenträger „hemdsärmelig", so kamen seine bunten in Stramintechnik gearbeiteten Hosenträger voll zur Geltung.

Die Schlitzerländer Frauentracht überlebte die Männertracht um nahezu 60 Jahre. Sie erfuhr um die Jahrhundertwende nochmals eine Veränderung, als in der Alltagstracht der Faltenrock von dem „Sperrock" (der nur noch im oberen Teil plissiert war) abgelöst und der Strickmotzen mit dem Halstuch von dem hochgeschlossenen Strickjacken oder dem „Seelenwärmer" verdrängt wurde. Gleichzeitig verschwanden aus der alltäglichen Kleidung auch der „Duttenkragen" und die Zwickelstrümpfe. Die Frauen trugen statt der Tuchschuhe nun Lederschuhe. Die Haube wurde von dem Kopftuch oder von dem einfachen Samtband verdrängt. In der Festtagstracht allerdings behielt der Faltenrock mit seiner gesamten Ausstattung nach wie vor noch seine Bedeutung. Die Mädchen und die jungverheirateten Frauen trugen die „stolze" Tracht, bei der fast alle Farbvariationen gestattet waren. Die vielfältigen Stickereien, insbesondere die Perlenborten, waren von bunter Pracht. Spätestens nach dem ersten Todesfall in der Familie wurde im Anschluss an das Trauerjahr von der verheirateten Frau „blau" getragen. Die rote Farbe fehlte dann ganz. Alle Stickereien waren in blau und grün ausgeführt. Der Grundton der Stoffe war blau oder schon schwarz. Nahmen dann in der eigenen Generation die Sterbefälle zu, blieb die Bauersfrau meist bei schwarz. Stickereien fehlten nun ganz. Auch die Strümpfe und Schürzen waren schwarz. Ohne Rücksicht auf das Alter trugen Mädchen und Frauen an den „hehren Tagen" (Feiertage, an denen Abendmahl gefeiert wurde) blau, am Karfreitag sogar schwarz. Zum Abendmahl gingen die Frauen in schwarz, jedoch mit blauen Strümpfen. Zur Abendmahlstracht gehörte bis zuletzt der Faltenrock mit der schwarzen Abendmahlshaube.

Schlitzerländer Braut mit Brautkrone
Schlitzerländer Brautkrone aus Queck. Blumen, Flitter, Glasperlen sowie rot und grün verzierte Bänder machen diese Krone besonders reizvoll.

Konfirmandinnen stülpten über die Abendmahlshaube eine weiße Batisthaube. Sie trugen zusätzlich ein weißes gekreuztes Brusttuch mit feinen Stickereien. Die Braut steckte anstelle der Haube die Brautkrone auf, trug das weiße Brusttuch der Konfirmandin und am rechten Oberarm ein Blumengebinde mit einem herunterhängenden bunten Seidentuch. Auch der Bräutigam trug ein Blumengebinde am linken Oberarm. Bei Leichenbegängnissen wurde schwarz getragen. Nur die Angehörigen des Toten griffen zur Abendmahlstracht, jedoch mit schwarzen Strümpfen und einem weißen Schleier über der Haube sowie einer weißen Schürze. In der warmen Jahreszeit gingen die Mädchen und Frauen meist „hemdsärmelig", also ohne Motzen und Jacken. Zu ihrer Alltagstracht trugen die Bauersfrauen die wadenhoch gestrickten „Bortefirwes" an den Füßen. Sie waren auf schwarzer Wolle überaus bunt gestickt, mit Borten und bunten Bändern versehen. Auch für die Farbe der „Firwes"-Verzierungen war das Alter der Bäuerin maßgebend. Die Frau in den mittleren Jahren trug sie blau, die ältere Frau schwarz.