Trachtenfeste - Pflege vergangener Volkstrachten

Schlitzerländer Hochzeitszug
Schlitzerländer Hochzeitszug. Die Hochzeiten fanden im Schlitzerland nur donnerstags statt. Nach der kirchlichen Trauung spielte die Kapelle vor der Kirche einen Choral. Dann bewegte sich der Zug der Gäste - voran das Brautpaar - zum Hochzeitshaus. Dort tanzten die Schulkameraden des Paares die "drei Reihe" und verabschiedeten die Neuvermählten damit aus dem Kreis der Ledigen. (Trachtenfest 1965)

Schon im Jahre 1926 waren auf den Dörfern um Schlitz die bunten Trachten im Alltag so selten geworden, dass sich traditionsbewusste Bürger der Stadt Schlitz entschlossen, ein Fest ins Leben zu rufen, das verhindern sollte, dass die alten Trachten völlig in Vergessenheit gerieten. Im Juli 1926 bewegte sich anlässlich des 70jährigen Stiftungsfestes des Schlitzer Gesangvereins „Harmonisches Kränzchen" der erste Trachtenzug durch die Burgenstadt. Dieses Sängerfest gab den Anstoß zu dem Gedanken, in Zukunft regelmäßig Trachtenfeste in Schlitz zu veranstalten.

Das daraufhin beschlossene Trachtenfest im Jahre 1927, das auf den Tag des Sommermarktes gelegt worden war, zeigte einen langen farbenprächtigen Trachtenzug. Der „Schlitzer Bote" berichtete im Jahre 1961 (Schlitzer Bote vom 8. 7. 1961, S. 1) rückblickend über diesen Tag:
„Wiederum gab es für die zahlreichen einheimischen und fremden Zuschauer am Wegesrand ein interessantes Schauspiel, als sich der Zug vom Grund über den Marktplatz und die Ringmauer zum Sportplatz bewegte. Beteiligt waren der Reiterverein, der Schlitzerländer Jugendbund, Industrie, Handwerk und Gewerbe, etliche Trachtengruppen und zwei Schlitzerländer Hochzeitszüge, einer aus der Zeit der 20er Jahre und der andere aus dem frühen 19. Jahrhundert. Es war das erste Mal, dass man der Bevölkerung einen solchen echten Trachtenhochzeitszug nach dem Aussterben dieser schönen Sitte zeigte. Der Hochzeitszug gehört seit dem 20. Juli 1927 zum festen Bestandteil der Schlitzerländer Trachtenfeste. An diesem ersten Trachtenfest wurde der Brautwagen von vier Prachtochsen gezogen. Es beteiligten sich auch bereits einige Dörfer mit selbst ausgerichteten Festwagen."

Dieses Trachtenfest des Jahres 1927 war das erste in einer Reihe von 21 nachfolgenden Festen dieser Art. Heute - im 50. Jubiläumsjahr - feiern wir also das 22. Trachtenfest in Schlitz.

Programm des Trachtenfestes 1927
Programm des Trachtenfestes 1927

Im Jahre 1930 - das Trachtenfest fand auf der ehemals Niepoth'schen Wiese (heute Eichhoff-Werke) statt - waren schon 11 Schlitzerländer Trachtengruppen und Trachtenträger aus Herbstein, Breitenbach, Hüttenberg, aus der Rhön und aus der Schwalm vertreten. Ein Feuerwerk und die Burgenbeleuchtung bildeten den Abschluss des festlichen Ereignisses.

Im Jahre 1934 waren annähernd alle hessischen Trachtengebiete in den Mauern der Burgenstadt vertreten. Die damalige Prominenz war anwesend.

In der Folgezeit fand in jedem Jahr ein Trachtenfest mit Freilichtaufführungen von Trachtenstücken und prächtig ausgestatteten Festzügen statt. Im Jahre 1935 befand sich der Festplatz auf der Mühlwiese jenseits der Schlitz gegenüber der Hohmühle. Das Trachtenfest 1936 war zugleich Einweihungsfest für die Sportanlage und das Schwimmbad am Damenweg. Die Festlichkeiten spielten sich erstmals in dem Burgenring ab. Alle Festteilnehmer waren derart beeindruckt von den Veranstaltungen vor der historischen Kulisse der Fachwerkhäuser auf dem Marktplatz, dass die Festleitung beschloss, den Marktplatz von dieser Zeit an immer als Festplatz zu benutzen. Auf einem Podium neben dem Marktbrunnen wurde das Freilichtspiel „Der Weber von Schlitz" aufgeführt. Das Freilichtspiel des Jahres 1937 hieß „Hochzeit im Schlitzerland". Im Jahre 1938 wurde das Trachtenstück „Allerwege Schlitzerland", 1939 „Der Dippemacher von Schlitz" aufgeführt. Alle diese Trachtenspiele hatte der Heimatschriftsteller August Verleger geschrieben.

Dann begann der Zweite Weltkrieg.

Im Jahre 1951 fand das erste Nachkriegs-Trachtenfest statt. Es war nicht nur das eindrucksvolle Feuerwerk, das dieses Heimatfest zu dem wohl schönsten aller Trachtenfeste machte. Der Sonntag übertraf alle Erwartungen. Man hatte mit dem Absatz von etwa 15 000 Festabzeichen gerechnet. Diese waren schon in der Mittagsstunde ausverkauft. Die Einnahmen waren etwa um die Hälfte größer, als man erwartet hatte. Die durch die Initiative des 1948 gegründeten Kulturbundes Schlitz wieder entstandene Trachtengruppe Schlitz wurde zum zentralen Bestand¬teil der seit 1951 jedes zweite Jahr am zweiten Wochenende im Juli stattfindenden Trachtenfeste.

Auch in den Jahren 1953, 1955, 1957 und 1959 waren Trachtengruppen aus der Wetterau, dem Odenwald, dem Gießener und Marburger Land, der Schwalm und der Rhön vertreten. Am Festsamstag des Jahres 1953 führte die Spielschar aus Leihgestern im Rahmen des Festkommerses das Freilichtspiel „Von der Saat zur Ernte" von dem Heimatdichter Georg Heß auf. Wieder war der Marktplatz überfüllt. Wieder erstrahlten tausende von bunten Lämpchen an den Fachwerkfassaden und an dem St. Georgbrunnen. Das Feuerwerk überraschte mit einem wunderbaren gleißend weißen Wasserfall von der Zinne des Hinterturmes herunter.

Festwagen
Friedensmal aus dem Sternerbundkrieg. Ein Festwagen des Trachtenfestzuges 1961 erinnerte an das Jahr 1383, als die "Sternerfehde" zwischen der Ritterschaft (Sternerbund) und den Klöstern Fulda und Hersfeld beendet wurde. Bei Hemmen wurde damals eine Kreuzessäule errichtet, die heute noch steht. Foto: Oskar Diegelmann

Der Festzug des Jahres 1955 zeigte nebeneinander die Schlitzer Arbeitstracht, die Sonntagstracht der Ledigen und der Verheirateten sowie die Trauertracht, wie sie früher im Schlitzerland getragen wurde.

Die Besonderheit des Festes im Jahre 1957 war die „Schlitzerländer Trachten- und Zünfteschau" im Schlossgarten, die den Festzug ersetzte.

Im Jahre 1960 wurde der „Schlitzerländer Trachten- und Volkstanzkreis" (TVK) geschaffen. Man wollte damit bekunden, dass auch Trachtenträger aus den zum Schlitzerland gehörenden Dörfern in der Tanzgruppe mitwirkten. Die Verantwortlichen des Volkstanzkreises knüpften verstärkt Verbindungen zu außerdeutschen Folkloregruppen an.

Das Fest des Jahres 1961 war ein weiterer Höhepunkt. Erstmalig wurde ein Festzug zusammengestellt, der neben den Trachten- und den Zunftdarstellungen auch einen breiten Einblick in die Schlitzer Geschichte und Sagenwelt bot. Festwagen und Laufgruppen zeigten den Auszug der Mönche aus dem Kloster Oberwegfurt, die Verleihung der Stadtrechte, die Taufe eines Türken, den Gang des letzten in Schlitz gehenkten Diebes zur Richtstatt, das Würfelspiel eines Mönches mit dem Satan um eine arme Seele, die Schatzgräberei in Fraurombach und vieles andere. Erstmals trat 1961 eine ausländische Trachtengruppe auf. Aus England waren die "Martlet Sword and Morris Men and their Ladies" aus Chichester in Sussex angereist. Sie beeindruckten durch ihre Schwertertänze so sehr, dass sie auch bei späteren Festen wieder gern gesehene Gäste waren.

Ähnlich erging es der Gruppe der "Royal Scottish" aus Edinburgh, die 1965 erstmals den Zug bereicherten und dann jedes zweite Jahr in Schlitz erschienen. Sie begeisterten immer wieder durch ihre von Dudelsackklängen begleiteten balletthaft leichtfüßigen Tanzschritte. Mit Alphornbläsern und Fahnenschwingern hinterließ der „Trachtechor Züri" aus Zürich im Jahre 1963 einen nachhaltigen Eindruck. Flandrische Gruppen aus Izegen und Roseiaer verschönten mit ihren ernsten Trachten die Festzüge der Jahre 1965 und 1967. Eine norwegische Gruppe und Holländer mit bunten Fahnen waren in den Jahren 1967 und 1969 in Schlitz vertreten.

Schlitz kann sich heute als das hessische Zentrum internationaler Trachtentreffen bezeichnen.

Der „Schlitzerländer Trachten- und Volkstanzkreis" (TVK) hat daran maßgeblich mitgearbeitet. Die Schlitzer Trachtenträger haben die Schlitzer Tracht und ihre Tänze bei vielen Gelegenheiten im Ausland zeigen können, zum Beispiel in England, Belgien, Spanien, Frankreich, Holland und in Israel. Zu den Höhepunkten gehörten die Auftritte in dem Cecil Sharp House, der repräsentativen Folklorehalle Londons, und in dem Staatstheater von Palma de Mallorca. So leistet der TVK auf seine Weise einen wertvollen Beitrag zur internationalen Verständigung.