Aus der Geschichte der Burgenstadt Schlitz

1. Kirchengründung und Bau der Stadtburg

Es sind heute 1165 Jahre vergangen, seit die Siedlung Schlitz aus der Dämmerung der Vorgeschichte herausgetreten ist. Vom 20. September 812 stammt eine Urkunde, die über die Weihe einer Margaretenkirche auf dem Hügel „Slitese" berichtet. Der Mainzer Erzbischof Richolf selbst hatte diesen festlichen Akt im buchonischen Urwald vorgenommen, um für die hier in Weilern und Höfen lebenden Chatten eine Stätte des christlichen Bekenntnisses zu schaffen. Zugleich sollte dieses Gotteshaus - die erste Steinkirche außerhalb des fuldischen Klosterbezirkes - Mittelpunkt eines großen Kirchensprengels werden, dessen Verwaltung einem Vogt übertragen wurde, der gleichzeitig auch für den Schutz der Kirche zu sorgen hatte.

In den nachfolgenden unruhigen Jahrhunderten machten Fehden, Raubritter, Wegelagerer und sonstiges trübes Gesindel das Land unsicher. Deshalb wurden - spätestens um das Jahr 1000 - Festungsmauern um den Kirchenhügel gezogen und Verteidigungstürme errichtet. In dem Festungsring siedelten Bauern und Handwerker. Die Vögte errichteten ihre Schlossburg auf der Befestigungsmauer. Es entstand eine Stadtburg, die bis zur Anwendung des Schießpulvers nicht von Ihren Feinden und Belagerern erobert wurde.

Die Vögte gehörten zu den Ministerialen und Dienstmannen des Benediktinerklosters Fulda.

2. Die Burgvögte

Die fleißigen fuldischen Mönche schufen Urkunden, die ein abgerundetes Bild über die frühe Zeit der Schlitzer Geschichte widerspiegeln. Nur die Namen der Vögte kennt man nicht.

Erst in den Jahren 1116 und 1118 werden in Schenkungsurkunden des Klosters Fulda Erminoldus de Slitise und sein Eheweib Gerbirga als Zeugen eines Beurkundungssachverhalts genannt. Von diesem Ehepaar führt ein ununterbrochener Stammbaum bis zu den heutigen Repräsentanten des Schlitzer Adelsgeschlechts.

Zur gleichen Zeit mit Erminoldus wurde auch ein Otto de Slitese bekannt, dessen Linie aber schon bald ausstarb, aber die große zeitgenössische Bedeutung des Burgvogtgeschlechts dokumentiert. Der Sohn Ottos, der unter dem Namen Berthous Ordensgeistlicher geworden war, wurde im Jahr 1133 zum Abt von Fulda gewählt und damit Nachfolger seiner berühmten Vorgänger Sturmius, Ratgar, Eigil, Rhabanus-Maurus, Hatto usw. Berthous war der erste aus der Reihe bedeutender Angehöriger des Schlitzer Herrenhauses, die weit über die Grenzen ihrer Heimat hinaus bekannt wurden. Er war der erste Abt von Fulda, der aus einem fuldischen Dienstmannengeschlecht hervorgegangen war.

3. Fehden und Stadtrechte

Das 13. und das 14. Jahrhundert waren turbulent. Die fuldischen Ministerialen kämpften um ihre Mitbestimmung. Sie wollten nicht mehr nur Befehlsempfänger und Lehnsträger machthungriger Äbte sein. Die Stiftsfehden begannen. Sie erreichten ihren ersten Höhepunkt mit der Strafexpedition, die Abt Berthous v. Leibolz im Jahre 1265 gegen die rebellischen Rittersitze der Gegend führte. Viele Burgen der Gegend wurden von ihm erobert und geschleift. An der Stadtburg Schlitz biss er sich jedoch die Zähne aus. Die kleine Wasserburg Niederschlitz wurde eine leichte Beute des militanten Klostervorstehers. Die Nachfolger dieses Abtes kämpften weiter um ihre Position. Die Ritter schlossen sich unter Führung der mächtigen Grafen von Ziegenhain zum „Sternerbund" zusammen, der 1380 gegen die Klöster Hersfeld und Fulda zu Felde zog. Aus dieser Zeit stammen die meisten Wüstungen in dem Gebiet zwischen Rhön, Vogelsberg und Knüll.

Das zunehmende Gewicht, das dem Namen der Herren von Schlitz im deutschen Sprachraum zukam, und die angesichts der fortwährenden Fehden weiträumig ausgebauten Befestigungsanlagen mögen ursächlich dafür gewesen sein, dass das Gemeinwesen spätestens Ende des 14. Jahrhunderts Stadtrechte verliehen bekam. Belegt sind diese Stadtrechte jedoch erst in einer Urkunde aus dem Jahre 1439, die den Bürgern im Burgenring die Markt-, Brau-, Brenn- und Schankrechte bestätigte.

4. Die Loslösung von Fulda

Alles Aufbäumen der Klosterherren gegen die Selbständigkeitsbestrebungen der Ritterschaft nützte letztlich nichts. Das Lehnsverhältnis zu Fulda wurde im Laufe der folgenden Jahrzehnte zu einer nur noch losen Bindung. Aus den ehemaligen Vogteirechten, den Lehen und Verpfändungen formten sich langsam selbständige Herrschaften. Aus den Schlitzer Vögten wurden allmählich Landesherren. Das Stift bemühte sich mit Nachdruck, die Herren von Schlitz auch noch weiter an sich zu fesseln, indem es ihnen manches ehrenvolle Amt übertrug. So findet man in der Familie der Junker von Schlitz genannt von Görtz - diese Linie hatte sich unter mehreren Verzweigungen durchgesetzt - die Würden von Marschällen, Dompröpsten und Statthaltern von Fulda. Simon Xlll. von Schlitz gen. v. Görtz wurde im Jahre 1490 schließlich Erbmarschall der Äbte von Fulda. Doch das alles half nichts. Es kam die Reformation. Die beiden Brüder Friedrich und Werner von Schlitz führten im Jahre 1546 die Lehre Luthers in Schlitz ein.
Als mit Fürstabt Balthasar von Dernbach die Gegenreformation einsetzte, hinter¬ließ sie auch in Schlitz schlimme Spuren. Dies vergiftete das Verhältnis zwischen den Junkern von Schlitz und dem Stift endgültig. Wilhelm Balthasar von Schlitz gen. v. Görtz legte im Jahre 1612 die seiner Familie seit 122 Jahren zustehende Erbmarschallwürde des Klosters Fulda nieder und löste damit die letzte Bindung zu dem Hochstift. Nach genau 800 Jahren Abhängigkeit von Fulda waren die Ritter von Schlitz jetzt eigene Herren in ihrem Territorium mit der Stadt Schlitz im Mittelpunkt und den 16 Dörfern im Umkreis. Sie hatten praktisch nur noch den Kaiser über sich anzuerkennen. Niemand außer diesem konnte ihnen noch in ihre Angelegenheiten hineinreden. Und der konnte es nicht, weil er schon bald einen großen Krieg führen musste, den Dreißigjährigen. Die Junker von Schlitz galten jetzt als Landesherren.

5. Die Reichsunmittelbarkeit

Nachdem die Unglücksjahre des Dreißigjährigen Krieges mit Brandschatzungen, Plünderungen, Pest und Totschlag und die zum Teil grausame Gegenreformation der Fuldischen im Schlitzer Gebiet überstanden waren, wurde den Schlitzer Herren durch den Westfälischen Frieden (1648) die politische und kirchliche Unabhängigkeit bestätigt. 29 Jahre später wurde das alles juristisch untermauert, indem die Ritter Johann und Friedrich Wilhelm von Schlitz von Kaiser Leopold l. in den Reichsfreiherrenstand erhoben wurden. Schlitz war zu einer kleinen Residenz geworden. Die Freiherren durften sich auch eigene Soldaten halten. Im Jahre 1726 wurde Friedrich Wilhelm durch Kaiser Karl Vl. Reichsgraf von Schlitz. Der Kaiser honorierte dadurch dem Schlitzer Senior seine Verdienste um das Reich, die sich Friedrich Wilhelm als Generalbevollmächtigter des Königs von Großbritannien und Hannover erworben hatte.

6. Napoleons Machtwort

80 Jahre lang konnten sich die Grafen von Schlitz ihrer reichsgräflichen Landesherrschaft erfreuen. Dann kam im Jahre 1806 der Donnerschlag in Gestalt eines Machtwortes Napoleons, der seine Freunde unter den deutschen Landesherren mit Geschenken belohnen wollte. Er bestimmte, das Schlitzerland solle künftig zum Großherzogtum Hessen-Darmstadt gehören. Aus war der Traum von der Landesherrlichkeit! Der regierende Reichsgraf Karl Heinrich Johann Wilhelm von Schlitz gen. v. Görtz, der zugleich königlich-sächsischer Gesandter beim Frankfurter Bundestag war, weilte gerade bei seinem königlichen Herrn in Dresden, als die Unglücksnachricht in Schlitz eintraf. Seine Schlitzer Berater schickten sofort den Oberförster Knabe in die sächsische Residenz, um seinem Grafen zu berichten, dass Abgeordnete der Darmstädter Regierung das Schlitzerland bereits besetzt hätten.

Aus der Landesherrschaft Schlitz war nun ein Teil der darmstädtischen Verwaltungsprovinz Oberhessen geworden. Die Grafen galten nur noch als Standesherren mit einigen Gerechtsamen, auf die sie aber auch bald verzichteten. Sie hatten das Herrschen offenbar satt und beschränkten sich in der Folgezeit auf das Verwalten ihrer Güter und Wälder.

7. Schlitz im 19, und 20. Jahrhundert

Schlitz als nordöstlichster Zipfel des Großherzogtums Hessen-Darmstadt wurde dem Kreis Alsfeld zugeschlagen. Im Jahre 1838 trat Graf Carl seine die Gerichtsbarkeit, die Polizei-, die Schul- und Kirchenaufsicht betreffenden Gerechtsame an den hessischen Staat ab. Von dieser Zeit an steht den Schlitzer Grafen auf öffentlich-rechtlichem Gebiet nur noch das kirchliche Partonatsrecht zu. Im Jahre 1852 wurde das Schlitzerland dem neu geschaffenen Kreis Lauterbach zugeordnet. Ende des 19. Jahrhunderts setzte eine wirtschaftliche Blütezeit mit reger Bautätigkeit ein (Gründerjahre). Nach den verheerenden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts begann in Schlitz eine Bauperiode in einem bisher nicht gekannten Umfang. Als die ehrwürdige Stadtkirche am 20. September 1962 ihr 1150jähriges Weihefest feierte, hatte sich das Gesicht der geschichtsträchtigen Stadt bereits grundlegend geändert. Nur die alten Bauwerke des Stadtkernes künden noch von der längst vergessenen, wehrhaften und besinnlichen Zeit. Durch die Gebietsreform des Jahres 1972 wurden die seit 1852 nebeneinander bestehenden Kreise Lauterbach und Alsfeld nach 120 Jahren als Vogelsbergkreis vereinigt. Die 16 bis dahin selbständigen Dörfer des Schlitzerlandes wurden Stadtteile der Stadt Schlitz, die nunmehr das gesamte Gebiet der ehemaligen reichsunmittelbaren Grafschaft umfasst.

© 1977 Herausgeber: Kreisvolkshochschule Vogelsberg e. V., Heimatgeschichtlicher Arbeitskreis Schlitz
Redaktion: Heinrich Sippel, 5024 Pulheim b. Köln, Mozartstraße 45
Druck: H. Guntrum I1. KG, 6407 Schlitz
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